Geschichte von Kratom: Von traditioneller Nutzung bis zur modernen Forschung
Die Geschichte von Mitragyna speciosa, besser bekannt als Kratom, verbindet dokumentierte traditionelle Nutzung in Thailand und Malaysia mit botanischer, chemischer und pharmakologischer Forschung. Der genaue Beginn der Nutzung lässt sich aus den verfügbaren Quellen nicht datieren; belastbare historische und ethnografische Berichte setzen deutlich später ein12.
Dieser Beitrag ordnet die Entwicklung anhand von Primärliteratur, Fachpublikationen und Behördenquellen ein. Traditionelle Berichte werden dabei nicht als klinischer Wirksamkeitsnachweis verstanden. Der Text dient ausschließlich der Information und enthält keine Empfehlung zur Verwendung.
Traditionelle Nutzung in Thailand und Malaysia
Frische Blätter wurden in Thailand gekaut; auf der nördlichen malaiischen Halbinsel sind auch Abkochungen dokumentiert. In einer thailändischen Untersuchung von 1975 berichteten Gärtner, Bauern und andere Arbeiter von Kratom-Nutzung im Zusammenhang mit körperlich belastender Arbeit. Dieselbe Quelle hielt traditionelle Anwendungen bei Durchfall und als Ersatz im Zusammenhang mit Opiumkonsum fest1.
Burkill und Haniff dokumentierten 1930 nach Befragungen malaiischer Heilkundiger und botanischer Bestimmung gesammelter Pflanzen unter anderem zerstoßene Blätter als Wundauflage sowie eine Abkochung im Zusammenhang mit Opiumverlangen2. Eine spätere Querschnittsstudie mit 136 aktiven Nutzern in Nordmalaysia beschrieb die selbstberichtete Verwendung von Ketum zur Linderung von Opioid-Entzugssymptomen3. Diese ethnografischen Befunde beschreiben Nutzungskontexte; sie belegen weder Wirksamkeit noch Sicherheit.
Für zuvor im Artikel genannte prähistorische, archäologische, spirituelle und sprichwörtliche Überlieferungen ließen sich keine ausreichend belastbaren Primärquellen zuordnen. Sie wurden deshalb entfernt.
Frühe schriftliche und botanische Dokumentation (1836–1897)
1836: Eine mögliche frühe Erwähnung
James Low beschrieb auf Penang ein als „Beak“ bezeichnetes Blatt, das Opiumraucher verwendeten, wenn Opium nicht verfügbar war4. Da Low die Pflanze nicht botanisch als Mitragyna speciosa bestimmte, ist dies eine mögliche, häufig mit Kratom in Verbindung gebrachte Erwähnung – keine zweifelsfreie botanische Erstbeschreibung.
1839–1842: Korthals und die taxonomische Neubewertung
Pieter Willem Korthals führte 1839 die Gattung Mitragyna ein. Eine moderne nomenklatorische Analyse bewertet seine 1841 veröffentlichte Tafel 35 als gültige Veröffentlichung von Mitragyna speciosa Korth.5 Kew führt diesen Namen heute mit dem Veröffentlichungsjahr 1841; Stephegyne speciosa aus dem Jahr 1842 gilt als Synonym6. Der Gattungsname bezieht sich auf die mitrenförmige Narbe der Blüte, nicht auf die Blattform.
1897: Havilands Revision
George Darby Haviland behandelte die Art in seiner Revision als Mitragyna speciosa (Korth.) Havil.7 Diese Autorenangabe wurde lange verwendet. Aufgrund der Neubewertung der früheren Korthals-Tafel akzeptiert das aktuelle taxonomische Rückgrat von Kew dagegen Mitragyna speciosa Korth.56 Die frühere Datierung auf 1859 war falsch.
Frühe Chemie- und Pharmakologiegeschichte (1921–1967)
1921: Isolierung von Mitragynin
E. J. Field berichtete über die Isolierung und Benennung von Mitragynin und Mitraversin aus Mitragyna-Material8. Die Arbeit ist ein phytochemischer Primärbeleg; sie liefert keine moderne klinische Bewertung von Kratom-Abhängigkeit.
1932: Frühe pharmakologische Untersuchungen
K. S. Grewal veröffentlichte systematische Untersuchungen zu Mitragynin an biologischen Präparaten und in Tiermodellen sowie einen separaten frühen Bericht über Wirkungen beim Menschen910. Diese historischen Arbeiten sind nicht mit heutigen klinischen Wirksamkeits- oder Sicherheitsstudien gleichzusetzen.
1963–1967: Struktur und Stereochemie
Joshi, Raymond-Hamet und Taylor schlugen 1963 die Struktur von Mitragynin als 9-Methoxycorynantheidin vor11. Zacharias, Rosenstein und Jeffrey bestätigten 1965 Struktur und Stereochemie von Mitragynin-Hydroiodid durch Röntgenkristallografie12. Im selben Jahr untersuchte eine eigenständige Gruppe um Beckett weitere Alkaloide der Pflanze13; 1967 folgte eine Arbeit zur absoluten Konfiguration der Corynantheidin-Alkaloide14. Beckett und Zacharias waren somit keine gemeinsame Forschergruppe.
Thailand: Vom Verbot zu einem regulierten Rechtsrahmen
1943: Kratom Plant Act B.E. 2486
Thailand stellte Kratom erstmals landesweit unter Kontrolle; Anbau, Besitz, Verkauf und Konsum wurden untersagt15. Ein späterer Behördenbericht von ASEAN-NARCO und der thailändischen ONCB nennt die Sorge um staatliche Einnahmen aus dem damaligen Opiumhandel als wichtigen politischen Beweggrund16.
1979: Kategorie V
Mit dem Narcotics Act B.E. 2522 wurde Kratom als Betäubungsmittel der Kategorie V eingestuft. Diese Einordnung bestand bis zur Entlistung der Kratom-Pflanze im August 202115.
Späte 2000er und frühe 2010er: Intensivere Durchsetzung
UNODC dokumentierte einen deutlichen Anstieg Kratom-bezogener Festnahmen in Thailand von 5.571 im Jahr 2007 auf 13.134 im Jahr 2011; die sichergestellte Menge stieg von 1,7 Tonnen im Jahr 2005 auf 23 Tonnen im Jahr 201117. Diese Zahlen belegen eine Intensivierung in diesem Zeitraum, aber keine einheitliche Kampagne von 2003 bis 2018.
2019: Begrenzte medizinische und wissenschaftliche Nutzung
Der Narcotics Act (No. 7) B.E. 2562 ermöglichte ab dem 19. Februar 2019 die genehmigungspflichtige Nutzung von Betäubungsmitteln der Kategorie V, darunter Kratom, für medizinische Zwecke und Forschung18. Kratom blieb kontrolliert; dies war keine allgemeine Legalisierung.
2021: Entlistung der Kratom-Pflanze
Am 24. August 2021 wurde die Kratom-Pflanze aus Kategorie V entfernt. Lebensmittel, pflanzliche Produkte, Arzneimittel und Kosmetika mit Kratom blieben den jeweiligen Produktgesetzen unterworfen15. „Entlistung“ ist daher präziser als „vollständige Dekriminalisierung“.
2022: Kratom Plant Act B.E. 2565
Seit dem 27. August 2022 gilt ein eigener Rechtsrahmen. Unter anderem sind Ein- und Ausfuhr von Kratom-Blättern genehmigungspflichtig; der Verkauf an Personen unter 18 Jahren sowie an Schwangere und Stillende ist verboten19.
2024: Leitlinie der thailändischen FDA
Am 4. September 2024 veröffentlichte die thailändische FDA eine Zulassungsleitlinie für gemahlene Kratom-Blätter sowie Wasser- und Ethanolextrakte als Bestandteile von Nahrungsergänzungsmitteln20. Sie konkretisiert Anforderungen des bestehenden Lebensmittelrechts und ist kein neues Gesetz.
WHO-Prüfung: Überwachung statt internationaler Einstufung
Die 8. Arbeitsgruppe des WHO Expert Committee on Drug Dependence empfahl im April 2020, Kratom, Mitragynin und 7-Hydroxymitragynin in die WHO-Überwachung aufzunehmen21. Beim 44. ECDD-Meeting im Oktober 2021 folgte ein Pre-Review. Das Komitee sah nicht genügend Evidenz, um für Kratom einen Critical Review zu empfehlen, und empfahl weitere Überwachung22. Dies war weder eine Zulassung noch eine allgemeine Feststellung der Unbedenklichkeit.
Moderne wissenschaftliche Forschung (2000–2025)
Alkaloid-Forschung und Metabolismus
Eine präklinische Studie von 2019 zeigte, dass Mitragynin in Maus- und menschlichen Leberpräparationen in vitro über CYP3A-Isoformen zu 7-Hydroxymitragynin (7-OH) umgewandelt wird. In dem untersuchten Mausmodell trug 7-OH wesentlich zur opioidrezeptorvermittelten analgetischen Wirkung bei. Die Befunde belegen weder eine klinische Wirksamkeit noch denselben Wirkanteil beim Menschen23.
Eine In-vitro-Studie von 2020 zeigte außerdem, dass 7-OH in menschlichem Plasma zu Mitragynin-Pseudoindoxyl umgewandelt werden kann. Der Stoff war in den verwendeten Opioidrezeptor-Assays potenter als Mitragynin und 7-OH; seine tatsächliche Bedeutung im menschlichen Körper ist klinisch nicht geklärt24.
Pharmakokinetik beim Menschen
Die erste publizierte Pharmakokinetikstudie am Menschen erschien 2015. Sie umfasste zehn männliche regelmäßige Kratomnutzer; zentrale Parameter wurden für neun Teilnehmer ausgewertet, was die Übertragbarkeit begrenzt25. Ein systematischer Review von 2019 wertete 17 tierexperimentelle und menschliche Studien aus und stellte erhebliche Wissenslücken fest26.
Eine randomisierte, doppelblinde und placebokontrollierte Dosissteigerungsstudie von 2024 untersuchte Mitragynin und 7-Hydroxymitragynin nach einer Einzeldosis und nach 15 täglichen Dosen analytisch charakterisierten, getrockneten Kratom-Blattpulvers27.
Wechselwirkungen mit Arzneimitteln
Laborstudien zeigen, dass Kratom-Alkaloide Cytochrom-P450-Enzyme beeinflussen können28. In einer kontrollierten klinischen Interaktionsstudie erhielten zwölf gesunde Erwachsene einmalig Tee aus 2 g Kratom-Blattpulver. Die Exposition gegenüber der CYP2D6-Testsubstanz Dextromethorphan änderte sich nicht wesentlich. Bei der CYP3A-Testsubstanz Midazolam stiegen AUC um 39 Prozent und maximale Plasmakonzentration um 50 Prozent. Bei dieser niedrigen Einzeldosis sprechen die Daten vor allem für eine Hemmung von CYP3A im Darm; sie lassen sich nicht ohne Weiteres auf höhere oder wiederholte Dosen oder andere Produkte übertragen29.
Abgeschlossene klinische und beobachtende Studien
Zwei zuvor als laufend bezeichnete Studien sind abgeschlossen. Die NIDA-geführte Beobachtungsstudie NCT05457803 endete am 15. Dezember 2022; das Register nennt 396 Teilnehmende30. Die Phase-1-Dosissteigerungsstudie NCT06072170 mit 40 Teilnehmenden endete am 23. Januar 2024; Ergebnisse wurden am 29. September 2025 im Register veröffentlicht31.
Eine Publikation von 2025 analysierte beobachtend 15-tägige EMA-Daten von 357 regelmäßigen Kratomnutzenden in den USA. Kratomgebrauch zur Schlafenszeit war an 23,4 Prozent der Beobachtungstage mit durchschnittlich 13 Minuten längerer selbstberichteter Schlafdauer und einer um 5,93 Punkte höheren Schlafqualität auf einer Skala von 0 bis 100 assoziiert. Aufgrund des Beobachtungsdesigns lässt sich daraus weder ein ursächlicher Effekt noch eine schlaffördernde Wirksamkeit ableiten32.
Fazit: Historische Kontinuität, aber begrenzte Evidenz
Kratom hat eine dokumentierte traditionelle Geschichte in Teilen Thailands und Malaysias, eine mehrfach korrigierte botanische Namensgeschichte und seit dem 20. Jahrhundert eine wachsende Forschungsbasis. Zugleich bleiben viele Aussagen aus präklinischen Modellen, kleinen Humanstudien oder Beobachtungsdaten nur eingeschränkt auf klinische Wirkungen und Risiken übertragbar. Auch die WHO-Entscheidung von 2021 war eine Empfehlung zur weiteren Überwachung und kein Sicherheitsurteil22.
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